Kunst in Zürich – quo vadis

Zürich hat eine florierende Kunstszene – Museen, Galerien und Off-Spaces, notabene zwei Kunstschulen, internationale Kunstausstellungen wie beispielsweise Manifesta 2016 und eine wachsende Kunst im Öffentlichen Raum – für eine Stadt der Grösse von knapp 500’000 Einwohnenden ein vielfältiges Angebot. Dennoch wird Zürich kaum als Kunststadt wahrgenommen, warum ist dem so? Obwohl die Kunsthauserweiterung just in Gange ist sowie das Löwenbräu-Areal einen Umbau und Neupositionierung plant, ist keine Aufbruchstimmung zu spüren.

Ein Erklärungsversuch liefert Eva Hesse in einem kürzlich erschienenen Artikel im Tages-Anzeiger (Wohin willst du, Kunststadt Zürich?, 25.09.2017).

Tatsächlich erscheint die Zürcher Kunstlandschaft zwar als reich bestückt, doch seltsam unkonsolidiert. Die Koordination zwischen den einzelnen Kunstinstitutionen ist praktisch inexistent. Es finden kaum Programmabsprachen statt, die Profile sind nicht geschärft (alle machen ein bisschen alles), gemeinsame Kommunikation der Veranstaltungen oder eine gemeinsame Charmeoffensive dem Publikum gegenüber liegen nicht einmal als Projekte auf dem Tisch. «Jeder strickt an seiner eigenen Geschichte», sagt ein Insider.

Wie es anders aussehen kann, führt zurzeit die neu zum Leben erwachte Kunstmetropole Los Angeles vor. Das Grossprojekt «Pacific Standard Time» bündelt konstruktiv alle Kräfte; Galerien, Museen und freie Kuratoren machen mit.

Eine ähnliche Solidarität hat in den 1990er-Jahren dem damals aus dem ­Boden gestampften Projekt Löwenbräu seine Strahlkraft verliehen. Da haben eine öffentliche Institution wie die Kunsthalle, ein privatwirtschaftlich finanziertes Haus wie das Migros-Museum für Gegenwartskunst und etliche grosse und kleine Galerien in der Praxis vorgeführt, wie eine Verbrüderung über die Grenzen der wirtschaftlich abgesteckten Bereiche aussehen kann.

Braucht es demnach wieder mehr Zusammenhalt, gemeinsame Strategien und Planung der Institutionen, der Stadt, oder erlangt dies nur eine gebündelte, kurzfristige Aufmerksamkeit? Was würde es dann benötigen, um Zürich nachhaltig einen internationalausstrahlenden Kunstruf zu verschaffen? Finanzstadt, Dienstleistungsstadt, neu Kunststadt? Darüber nachzudenken, zu diskutieren und mitunter zu interventieren lohnt es sich alleweil, denn uns betrifft es.


Aktueller Artikel im brand-new-life Online Magazine: Drop-Sculpture-Ansatz der Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum (AG KiöR) / 28.08.2017

 

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Stadtrundgang Kunst

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Neonschild Schöneggstrasse/Feldstrasse, vermutlich Privat

Anhand einer Umfrage an unterschiedlichste Personen wurden einige Kunstwerk im öffentlichen Raum zusammengetragen, die eine Vielfalt von zumeist zeitgenössischem Kunstschaffen repräsentiert. Ferner wurden Hintergrundinformationen zu den einzelnen Werken gesammelt (Entstehung, Künstler/innen etc.) und auch persönliche Meinungen eingeholt.

 

Karte für den Rundgang zu faszinierenden Kunstwerken im Stadtraum Zürich:

Kunst im öffentlichen Raum

Öffentlicher Raum / Stadtentwicklung

Neue Stadtviertel sind in den letzten Jahren in verschiedenen europäischen Städten entstanden. Altes wurde abgerissen und durch fast identisch aussehenden Blöcke ersetzt. In Zürich kann hier stellvertretend die Europaallee genannt werden, welche bereits mit dem Namen Urbanität und Zukunftsfähigkeit verspricht, jedoch eher Kälte und Langeweile ausstrahlt.

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Zürich Europaallee, https://www.stadt-zuerich.ch/

Wie in einem letztjährigen Artikel der Frankfurter Allgemeine (moderne Stadtplanung: von Haus aus missglückt, Christoph Mäckler, FAZ 1.9.2016) beschrieben, sind diese neuen Stadträume eher Resträume, von Architekten/Architektinnen geplant, von Landschaftsplaner/innen aufgefüllt mit Bänken/Büschen/Bäumen. Grund hierfür wird unter anderem der fehlende Bezug zu den Gebäuden untereinander, zum Stadtraum an und für sich gesehen. Es werden einzelne Bauten erstellt, als ein abgeschlossenes Gebilde und nicht mit dem Stadtbild korrespondierend bzw. den Nachbarbauten abgestimmt. So entstehen keine Verbindungen und es klaffen Lücken auf.

Eine mögliche Herangehensweise, diese Resträume zu füllen oder untereinander zu verbinden, ist Kunst im öffentlichen Raum.

 

Kunst im öffentlichen Raum

Kunst im öffentlichen Raum ist allen frei zugänglich, konfrontiert diejenigen, die es interessiert. Sie prägt die Umgebung, fügt sich ein, irritiert oder wird kaum wahrgenommen. Sie drückt vergangene oder aktuelle Anliegen aus und wird als Standortmarketing, als Identitätsstiftend angepriesen. Kunstprojekte im öffentlichen Raum sind von räumlichen, architektonischen und ästhetischen Elementen und auch von sozialen und wirtschaftlichen, politischen, historischen Faktoren bestimmt, ein komplexes Umfeld für neu zu entwickelnde Projekte und auch für bestehende Werke.

Die Kunstwerke in der Öffentlichkeit sind anders als in Museen nicht beschriftet und es ist den Betrachtenden überlassen, mehr darüber heraus zu finden. Grösstenteils sind es Auftragswerke und vermischen sich mit Street Art oder Guerilla Kunst, die ohne Bewilligung im öffentlichen Raum angebracht werden. Gegen über früheren Werken, die längere Zeit am gleichen Ort verweilten, haben heutige Arbeiten auch ephemeren, kurzlebigen Charakter, bleiben nur für eine bestimmte Zeit sichtbar (z.B. Gasträume in Zürich jeden Sommer).

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«Leihgabe», 2011 Ganzblum, Max-Bill-Platz ZH / https://www.stadt-zuerich.ch, http://studioaction.ch

Entwicklung in Zürich

Kunst im öffentlichen Raum fokussierte sich bis im 18. Jahrhundert auf die heutige Altstadt, das damalige Zentrum bzw. Stadt. Einerseits bildeten die damals vorherrschenden Blockrandbauten Platz für Malereien und Mosaike, andererseits waren öffentliche Plätze beliebt, um Skulpturen prominent zu platzieren. Es wurden Geschichten, religiösen, historischen Hintergrundes oder später auch Alltagssituationen dargestellt sowie berühmte Persönlichkeiten verewigt.

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Ab dem 19. Jahrhundert wuchs die Bevölkerung von Zürich stark an, auch weil bislang umliegende Gemeinden eingemeindet wurden. Die neuen Stadtteile brauchten eine neue Infrastruktur, Schulen und öffentliche Verwaltungen wurden eröffnet und somit auch Platz für neue Kunstwerke geschaffen. Darunter zählten bis in die 1950er Jahre vor allem künstlerisches Dekor des Gebäudes. Kunsthandwerkliche Arbeiten wie Geländer, Friese und Bauskulpturen oder Werke aus den traditionellen künstlerischen Gattungen Malerei und Skulptur.

In den 1920er bis 1940er Jahren dominierten flache Reliefbilder an Brunnentrögen, in den 50/60er Jahren Mosaiken an Hausfassaden, anschliessend abstrakte Monumentalskulpturen in den 1970/80er Jahren. Seit den 1990er Jahrem zeichnen sich die künstlerischen Werke durch eine Vielfalt aus. Medien und Formen stehen im Hintergrund, wichtiger scheint die äussere Erscheinung, die Idee, die dem Werk zu Grunde liegt. Ab dem Jahr 2000 intergrieren sich viele Kunstwerke auf den ersten Blick unscheinbar ins alltägliche Umfeld und wollen somit die Realität, auf die sie sich beziehen, mit augenzwinkernder Ironie, Kritik, Poesie kommentieren. (Bernadette Fülscher, Die Kunst im öffentlichen Raum der Stadt Zürich, Chronos Verlag, 2012)

Eine weiteres Genre für Kunst in der Öffentlichkeit sind Brunnen, Zürich ist eine Brunnenstadt. Aus den mehr als 1’200 Brunnen sprudelt zumeist Trinkwasser. Bei der Gestaltung von Brunnenschmuck und Brunnenfiguren waren und sind auch heute noch der Phantasie beinahe keine Grenzen gesetzt. Speziell sind ferner die Brunnen der Notwasserversorgung, welche auf einem der Wasserversorgung unabhängigen Notwassernetz (Quellwasser aus dem Sihl- und Lorzetal sowie Stadtquellen) gespeist werden und auch ohne Strom funktionieren. Seit den 1970er Jahren sind achtzig dieser besonderen Trinkbrunnen auf Stadtgebiet aufgestellt worden. Der umgesetzte Entwurf  von Alf Aebersold ging aus einem von der Stadt ausgeschriebenen Wettbewerb hervor.

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Brunnen Stadelhoferplatz (1869, Theodor Froebel) / https://www.stadt-zuerich.ch

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Notwasserbrunnen mit Hundetrog, Meierhofplatz Zürich, 2017

Kunstprozent / Kunst und Bau / Kunst im öffentlichen Raum (KiöR)

1908 schuf der Stadtrat einen Kunstkredit, der vor allem notleidende Kunstschaffende unterstützen sollte. 1940 wurde vorgeschlagen, etwa 1% der Bausumme für Kunst und Bau einzusetzen. 1962 wurde dies per Beschluss noch erhöht und seither werden bei Neubauten, Erweiterungen und Instandsetzungen im Kostenvoranschlag 0,3 bis 1,5 Prozent der Anlagekosten (ohne Land) für Kunst reserviert. Ausserdem soll Kunst und Bau nicht nur bei städtischen Bauten, sondern auch bei Bauvorhaben auf städtischem Land umgesetzt werden. Die Arbeit der seit 2001 gegründeten Fachstelle Kunst und Bau ist es die Projekte zu evaluieren und die Bedürfnisse der Nutzenden abzuklären. Die Kunst soll dabei einen Mehrwert für den Bau sowie seine Nutzerinnen und Nutzer darstellen und den Blick im Alltag für Anderes schärfen, Brücken schlagen, Neugierde wecken sowie das Verständnis für die Komplexität der Welt fördern.

Ebenso werden seit den letzten 30 Jahren viele Kunstwerke  von privaten Initianten mitfinanziert. Es werden Wettbewerbe ausgeschrieben, um Vorplätze oder Innenräume von halböffentlichen Gebäuden zu bespielen.

Kunst im öffentlichen Raum findet immer mehr Akzeptanz und das Kunstprozent soll nicht nur für baubezogene Projekte eingesetzt werden, sondern auch für Kunstwerke im öffentlichen Raum. Dies hat unter anderem dazu beigetragen, dass 2006 die Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum (KiöR) gegründet wurde, eine Arbeitsgruppe die Kunst im öffentlichen Raum bewahrt, pflegt, vermittelt und ebenso auch neue Projekte injiziert. Sie arbeitet mit der Fachstelle für Kunst und Bau zusammen und die Projekte müssen vom Stadtrat bewilligt werden.

 

Kunstprojekte im öffentlichen/halböffentlichen Raum

Welche Möglichkeiten bieten sich für Kunst und Bau, wenn ein Spital während mehr als zehn Jahren erweitert und umgebaut wird? Was wird es auslösen, wenn ein Spitalbetrieb eine eigene «Kunst Station» beherbergt, mit Programm und künstlerischen Aktivitäten, die zwischen Patientinnen, Mitarbeitern und Besucherinnen vermittelt? Weshalb soll das Foyer eines Spitals anders aussehen als die Lobby einer Oper? Und welche künstlerischen Interventionen fördern soziale Interaktionen und Handlungsräume, die zu gesellschaftlicher Wirksamkeit und Wahrnehmungsverschiebungen führen?

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Mehrjähriger Spitalumbau Triemli ZH, 35 Kunstprojekte 2010-2016 / https://kunststationtriemli.ch

 

Im Juli 2010 schrieb die Genossenschaft Kalkbreite einen zweiphasigen, internationalen Kunst-und-Bau-Wettbewerb aus. Die Jury wählte unter den zehn eingereichten Arbeiten der zweiten Phase einstimmig das Projekt «Genossenschaften» des Hamburger Künstlers Christoph Faulhaber aus. Die Jury überzeugte der konzeptionelle Ansatz des prozesshaften Projektes, der zugleich das Arbeiten und Nachdenken der Genossenschaft widerspiegelt, die mit ihrem Bauprojekt auch eine Vision künftigen Zusammenlebens in der 2000-Watt-Gesellschaft an der Kalkbreite entwickelt.

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Christoph Faulhaber, Genossenschaften, Kalkbreite Zürich seit 2010 / https://www.kalkbreite.net

 

In der Zürcher Innenstadt ragte ein riesiger Hafenkran in den Himmel. Das Projekt «Zürich Transit Maritim» wollte dazu anregen, über Stadtidentität und Stadtentwicklung nachzudenken. Interessante Kunst – oder einfach veredelter Schrott? Was kann Kunst im öffentlichen Raum leisten? Was darf Kunst kosten? Was bringt sie – und wem?

Installation am alten Maag-Gebäude hinter dem Prime Tower. «Quality In Everything We Did» steht da. Das Werk der Genfer Künstlerin Joëlle Flumet war Teil einer temporären Ausstellung von Art and the City, einer städtischen Kunstaktion im aufstrebenden Zürich-West und musste aufgrund der Beschwerde der gegenüberliegenden internationale Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsfirma abmontiert werden. Durch die Persiflage des eigenen Slogans «Quality In Everything We Do» sieht Ernst & Young nun den Ruf des Unternehmens in Gefahr.

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Art Work by Swiss Artist Jöelle Flumet, playing with the Ernst & Young Slogan Quality In Everything We Do. Photo taken two hours before the work had to disappear due to pressure by Ernst & Young Zürich / https://de.wikipedia.org

 

Die Kunstinstallation von Cristian Andersen erhitzt die Gemüter. Dabei wollte der Auftraggeber Raiffeisenbank nicht eine Kunstdiskussion entfachen, sondern den Vorplatz verschönern. Es geht vor allem darum, den Meierhofplatz aufzuräumen. Hierzu wird der Notwasserbrunnen ins Zentrum gerückt und zum Kunstwerk erhoben. Dadurch soll auf dessen Funktion aufmerksam gemacht werden. Der Notwasserbrunnen verliert somit seine Anonymität und verleiht dem Meierhofplatz ein Gesicht.

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Künstler Cristian Andersen, Fjolla Rizvanolli (Szenografin), Marcel Merkli (Geschäftsstellenleiter Raiffeisen Höngg) und Jacqueline Noa (Landschaftsarchitektin) neben dem Werk «Endless Boogie». / Foto: Fredy Haffner / http://hoengger.ch

 

Seit 2001 existieren die sechs Kunstkästen, welche von der UBS Schaffhausen und Stadt/Kanton Schaffhausen initiiert wurden. Ehemals vom Vebikus Kunsthalle Schaffhausen kuratiert, übernahm 2016 URBANSURPRISE das Curating der Kunstkästen und nutzt diese spezielle Ausstellungsmöglichkeit im öffentlichen Raum, um die Schnittstellen zwischen Kunst und Architektur auszuloten.

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Kunstkasten im Normalzustand / http://www.urbansurprise.ch

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Wieso Kunst im öffentlichen Raum?

Kunstwerke in der Öffentlichkeit können Leerräume verbinden, eine formale, vielleicht auch ideelle Herangehensweise. Gibt es jedoch weitere Aspekte, die Kunst im öffentlichen Raum bewirkt, bewirken sollte? Braucht es Kunst im öffentlichen Raum oder ist es nur eine Erweiterung des White Cubes?

Wie in einem letztjährigen Artikel in der NZZ  beschrieben (Kunst im öffentlichen Raum / Öffentliches Terrain zurückfordern! Sabine Gebhardt Fink, sind künstlerischen Strategien, insbesondere Interventionen und Aktionen, innerhalb Städteplanungsprozessen zurzeit ein Schlüsselthema von Kunst im öffentlichen Kontext. Diese Strategien erlauben es präzise Taktiken zu entwickeln bezüglich der Nutzung urbanen Terrains, um öffentlichen Grund zunehmender Privatisierung zu entziehen. Derartiges künstlerisches Agieren hat politische Kraft und wird dringend benötigt.

Auszüge aus dem Artikel:

…Kunst wendet sich zunehmend situationistischen, performativen und Institutionen hinterfragenden Strategien zu. Durch die globalen Wirtschafts- und Finanzkrisen nach der Jahrtausendwende verschärften sich die Debatten und Engagements zahlreicher Künstler und Künstlerinnen. Es ging nun um translokale aktivistische Bewegungen. Einerseits legten diese einen Fokus auf aktivistische Haltungen, andererseits betonten sie politische Positionierungen, die sich explizit aus dem Feld der Kunst herausbewegten. Es geht darum, selbstermächtigend in Prozesse der Stadtplanung und der Sozialgeografie eingreifen zu können, «enclosures» zu besetzen und für eine gemeinschaftliche Nutzung zu übergeben…

…Weitere akute Fragen künstlerisch aktivistischen Engagements betreffen räumliche Marginalisierungen, strukturellen Rassismus und die Auswirkungen des entfesselten Kapitalismus auf Alltags- und Wohnverhältnisse. Mithilfe dieser aktivistischen Strategien wird der öffentliche Raum eher durch Interventionen und Aktionen besetzt als durch ortsspezifische Werke im herkömmlichen Sinn…

Interventionen im Restraum

Der öffentliche Raum ist so konzipiert und gestaltet, dass darin nichts geschieht, Zürichs Credo: „Erlaubt ist, was nicht stört.“ Demnach könnten genau die Resträume Platz für mögliche Interventionen bieten. Den Interventionen bedeuten Bewegung, und im bewegten Raum ist noch alles möglich. Sonst werden Resträume gefüllt, mit Events zugepflastert und kein Platz mehr für Ereignisse gelassen. Eventismus ist Spass-/Erlebnisinszenierung und stoppt jede Bewegung. Der urbane Raum, der bewegte Stadtraum bietet Fläche für Reibungen, Konflikte die wiederum Bewegungen auslösen.

Ansonsten droht das Szenarium, dass wir wie in der Truman Show nicht merken, dass wir in einer Inszenierung leben, in einer simulierten Stadt, ohne zu realisieren, dass es sich um einen einzig grossen Event handelt.  (Auszug aus ‚Die Bewegung im öffentlichen Raum‚ Jörg Huber, Vortrag Seminarveranstaltung 2005 ‚Platz da!‘ ILA/ETHZ)

 

Performance-Kunst / Entwicklung

Performance (engl.) steht einerseits für Vorführung, Darstellung, Auftritt, bedeutet aber auch Leistung. So kann die Performance daher der Wirtschaft, dem Sport (performen, leisten) und ebenso dem Theater (performen, auftreten) zugeordnet werden. Mitte des letzten Jahrhunderts wurde der Begriff auch in der Kunst eingeführt. Der Körper wurde als Medium entdeckt und die Kunstproduktion von Objekten durch physische, im Raum sich vollziehenden gegenwärtigen Handlungen ersetzt.

Das Ereignishafte ähnelt dem Theater. Anders als jedoch beim klassischen Theater (Dialoge, Bühne, festgelegte Handlungen) finden Kunst-Performances zumeist anhand offener Handlungen, in einem realen Raum und in Echtzeit vor Publikum statt. Performances übertragen unter anderem nicht-künstlerische, oft banale Alltagshandlungen in die Domäne der Kunst, wodurch sich die Bedeutung und Einbettung dieser Handlungen grundlegend ändert. Verschiebung des Kontextes sollen ein kritisches Bewusstsein für gesellschaftliche Zwänge und Regeln erzeugen. Durch die zu meist offene Handlung gibt es ferner anders als beim Theater kein klar definiertes Ende (Vorhang fällt, Applaus). Nach dem Kollaps von Fiktion und Realität wird das Publikum ins ungeschützte Offene entlassen.

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GLASER / KUNZ, WANDERNDE MAUER, 2017, Performance, ca. 6 Std., Backsteine ca. 280x600cm, https://www.stadt-zuerich.ch

Performative turn – Veränderung künstlerischer Perspektiven

Der ‚performative turn‚ verlagert das Interesse auf die Tätigkeiten des Produzierens und Herstellens und auf Handlungen, Austauschprozesse, Veränderungen. Im Zentrum stehen weniger die Gegenstände, Monumente und Kunstwerke, die als Repräsentation einer Kultur und deren Selbstverständnisses betrachtet werden, sondern die dynamischen Prozesse, in denen sie hergestellt und verwendet werden.

Eine Bildende Kunst, die sich immer stärker theatralisiert und sich der Aktion und dem Ereignis zuwendet, sowie die zunehmende Inszenierung und Ästhetisierung von gesellschaftlichen Ereignissen deuten darauf hin, dass die Grenzen zwischen den Künsten ins Wanken gebracht hat. Produktionen, wie beispielsweise Rimini Protokoll, sind nicht mehr eindeutig als Theaterstücke im klassischen Sinne zu definieren, sondern integrieren Strategien von Aktionskunst, Happening, Fluxus und Performance-Kunst*. Ins Blickfeld künstlerischer Praxis rücken damit häufig:

  • Konkreter Handlungsvollzug und Präsentation von theatraler Repräsentation im Sinne eines „so-­tun-­als­-ob“;
  • Selbstdarstellung statt Rollen-­ und Figurendarstellung;
  • Ereignishaftigkeit, offene Dramaturgien, Interaktions-­ und Improvisationsmomente und unmittelbare Zuschaueransprache;
  • Multiperspektivität durch das Nebeneinander von Erzählsträngen, Deutungsmöglichkeiten und Perspektiven auf den Gegenstand.

(Performativität und Kulturelle Bildung, Malte Pfeiffer, Erscheinungsjahr: 2013 / 2012)

* Aktionskunst: prozesshaftere Formen künstlerischer Praxis, u.a. Performance // Happening: improvisiertes Ereignis direkt mit Publikum // Fluxus: Idee zählt, nicht das Kunstwerk selbst


Entwicklung: Body Art der 1960/70er

Der Körper als Ausdrucksform/Medium, welcher die Produktion von Kunstobjekten durch physisches Handeln ersetzt. Die Kommunikation zwischen Betrachtenden und Ausführenden erfolgt durch den Körper der Performenden. Dieser Austausch zwischen Künstler/innen und Publikum bildete eine neue Grundlage in der bildenden Kunst, welcher durch avantgardistische Strömungen des 19./20. Jahrhunderts möglich gemacht wurden. In den späten 1970er Jahren klang mit dem Ende gesellschaftskritischer Protestbewegungen der Performance-Überschwang etwas ab.

Die Frühphase der Performance-Kunst fiel in eine Zeitstimmung, die vom kalten Krieg (West- und Osteuropa), Vietnamkrieg und Kubakrise, expandierender kapitalistischer Warenwirtschaft aber auch ersten globale Rezessionenen der Nachkriegszeit, Beginn der massenmedialen Vermittlung sowie verschärfte Generationenkonflikte, Geschlechterrollen und auch Ethnien geprägt war. In der daraus resultierenden politisch-religösen Befreigungssucht, integrierte sich anscheinend die Performance-Kunst. (Michael Lüthy, Struktur und Wirkung in der Performance-Kunst, 2009)

Das Katharsis-Konzept aus der Antike liegt wie beim Theater auch in der Performance-Kunst nahe und wir oft in diesem Zusammenhang diskutiert. Anhand der körperlichen, physisch meist an die grenzengehenden Performances sollten starken emotionalen Spannungen vermittelt werden, an denen letztenendes die Zuschauenden erläutert, gestärkt hervorgehen sollten, indem sie sensibilisiert aber auch geschockt, oder entfremdet durch das soeben Bezeugte wurden.

Ferner hatten Performances im kulturellen Kontext dieser Zeit einen Aussenseiterstatus. Sie wurden häufig an halböffentlichen und privaten Orten von einem auserwählten Publikum durchgeführt. Die Beziehung zwischen Publikum und Performenden war relevant. Die Bereitschaft des Publikums musste gegeben sein, dass die fiktive künstlerische Situation in dem Moment als wahr anzusehen war, auch wenn die fantastisch oder unmöglich zu sein schien.

Beispiele:


Delegierte Performance der 1990er/2000er

(Auszüge aus Claire Bishop ‚Black Box, White Cube, Public Space‘, Out of Body, Skulptur Projekte Münster 2017)

Es ist das Entstehen eines Phänomens zu beobachten, das als ‚delegierte Performance‚ bezeichnet werden kann, also die einzigartige und charismatische Präsenz des Künstlers, die in der Body Art der 1970er Jahre noch so wichtig war, an Laien outgesourct wird, die eine authentische gesellschaftliche Gruppe repräsentiert (z. B. eine bestimmte Klasse oder Ethnie, oder über Gender, Behinderung oder andere identitäre Zuschreibungen definierte Gruppen).

Dass zunehmend mit Anweisungen gearbeitet und die Dauer der Veranstaltungen auf die Zeit einer Ausstellung ausgeweitet wurde, hat die Performance verändert: Aus einer an persönliches Charisma gebundenen Kunstform wurde eine Kunstform, die auf die kontinuierliche Präsenz engagierter Darsteller setzt. Das Bedürfnis nach Wiederholung und Dauerpräsenz macht Performances immer mehr und deutlich sichtbar zu einer Form der bezahlten Arbeit.

Es hat sich eine ganze Unterklasse von Darstellern entwickelt, die sich auf die Umsetzung outgesourcter Performances anderer Künstler spezialisiert hat und in der mit Verträgen gearbeitet wird, die zwar nicht ganz komplett auf Zuruf funktionieren, aber doch in jedem Fall kurzfristig sind und keinerlei Sozialleistungen abdecken. Zugleich rekurriert die Schichtarbeit auf ein älteres Beschäftigungsmodell: die Fließbandarbeit des Fordismus.

Der Vergleich mit immaterieller Arbeit lässt sich aber dennoch aufrechterhalten. Denn immer öfter werden diese outgesourcten Performer gebeten, ihre eigenen Erfahrungen einzubringen und dem Projekt des Künstlers/Choreografen so Authentizität und Kreativität zu verleihen. In den Jahren vor und nach der Jahrtausendwende reichte es noch, eine bestimmte Identität zu inszenieren (Irakkriegsveteranen, taube Jugendliche, polnische Immigranten usw.).

Wurden delegierte Performances heftig dafür kritisiert, gesellschaftliche Gruppen zu Objekten zu machen (mit dem Hauptkritikpunkt, dass die Künstler es versäumten, den Darstellern eine „Stimme“ zu geben), setzen sich die jüngsten Formen zeitgenössischer Performance hingegen eher dem Vorwurf aus, die persönlichen Geschichten und sprachlichen Kapazitäten der Beteiligten auszubeuten.

Heute sind an die Stelle dieser heftig kritisierten Form, Menschen zu Objekten zu machen, durchdringendere Formen affektiver Arbeit getreten.

Tino Sehgals 2012 in der Tate Modern gezeigte Performance ‚These Associations‘ beruhte beispielsweise darauf, dass die Performer ihre eigenen Erfahrungen einbrachten, wann sich bei ihnen ein Gefühl der Zugehörigkeit eingestellt hatte, wann sie sich angekommen fühlten. Diese Geschichten wurden dann über einen Zeitraum von drei Monaten an vier oder fünf Tagen die Woche in Sieben-Stunden-Schichten für die Zuschauer immer wieder dargeboten. Ein wesentlicher Bestandteil der Performance war die „sprachliche Kooperation“ der Performer mit dem Publikum.


Video-Performance

Ein spezielles Genre der Performance-Kunst ist die Video-Performance, welche ohne Publikum eigens für die Kamera aufgezeichnet wird. Einerseits kann die Kamera nur für rein dokumentarische Zwecke eingesetzt werden und die Aktion aufzeichnen, anderseits kann das Medium Video selbst ein konzeptionelle, referenzielle Rolle in der Performance spielen.

Themen der Performancekunst – wie die Akzentuierung einzelner Handlungsabläufe oder des menschlichen Körpers selbst werden explizit zur Grundlage von Videoarbeiten, die ästhetische Wirkung kann manipuliert und mit Zeit, Rhythmus, Wiederholungen gespielt werden.

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square pieces#1, Silvia Popp, Ausstellung „Ja, nein, vielleicht.“ Kunstmuseum Thurgau 2009 /  http://boutique-pamela.ch

Performative Projekte & Interventionen von Silvia Popp

>> Büro für Leerstand

Das Büro für Leerstand hat den Auftrag Leerstand in Zürich zu bilden. Für dieses Forschungsprojekt führt die Leerstandsbeauftragte Experimente vor Ort aus, holt Expertisen ein und betreibt Öffentlichkeitsarbeit. Das Vorhaben und der Prozess werden auf dem hierfür angelegten blog leerstand dokumentiert. Um das Anliegen einer möglichst breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, geht die Leerstandsbeauftragte ferner auf Tournee. Der dort präsentierte Videoreport ‚Büro für Leerstand’ erläutert die notwendige Umsetzung dieses Projektes.

 

>> Justament / neuste Arbeit (work in Progress)

Kurzes Aufflackern in der Öffentlichkeit, teils gut getarnt aber doch nicht wirklich dazugehörend und gerade deshalb unerlässlich. So will sich die Interventionsreihe Justament mit Arbeiten von verschiedenen KünstlerInnen im öffentlichen Raum öfters zeigen.

>> Protesting (Video)

Es ist wie einen Beruf erlernen, es heisst üben, üben, üben. Damit im Ernstfall die Hemmschwelle nicht zur Stolperfalle wird. Auch wird nach andauernder und zunehmender Belastung mit anschliessenden Ruhephasen das Niveau gesteigert. Und dies alles in der Öffentlichkeit, da Wert gesehen, gehört und erinnert zu werden.

 

Brainstorming Frankental

  • erste Eindrücke nach Rundgang durchs Quartier und Informationen aller Beteiligten sammeln
  • erste Ideen notieren & weitere Schritte planen (wie beispielsweise Prozess der entstehenden Projekte sichtbar machen in Frankental)
  • Motivieren, über Sommerpause Ideen zu konkretisieren

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Einführung Projekt Frankental / Performance


Schwerpunkte Seminar Performance / Frankental

Performance Entwicklung & heute, verschiedene Möglichkeiten von Performen (Umsetzung/Medien):

  • selbst, vor Ort / delegieren
  • Einbezug von Akteur/innen oder Publikum, interaktiv
  • Videoperformance / Dokumentation
  • Zeitfaktor: einmalig, Wiederholungen, dauernd
  • ortsspezifisch, kontextspezifisch

Beispiele:

>> https://derlaengstetag.wordpress.com/2014/05/25/17-29-18-26-yvonne-good-zurich-ch/#jp-carousel-581

>> http://www.oh-wiederkehr.ch/portfolio/performance/sheltering-shared-spaces-and-moments-in-friction/

>> http://www.kunstkasten.ch/?page_id=53

Öffentlicher Raum, Stadtentwicklung / Frankental (inhaltliche Schwerpunkte):

  • Stadtplanung, Siedlungen ohne öffentliche Gemeinschaftsräume
  • Verkehr, Durchgangsstrassen durch Siedlungen erschweren Kontakt
  • Räume für gemeinschaftliche Aktivitäten / Austausch schaffen

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Zusammenarbeit Performance/Fotografie/Video

  • Projekte, die sich beider Medien bedienen / Zusammenarbeit
  • Performance fotografieren/filmen -> Dokumentation (Zusatz)
  • Gemeinsamer Input Start, anschliessend Projektbegleitung von beiden Seiten

Rundgang Frankental (Patrick Bolle) / Nachmittag

  • Infos über das Quartier
  • Raum, indem das Projekt stattfinden kann
  • Mögliche Zusammenarbeiten mit Quartierbewohnenden